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Kategorie: Ausgabe 12. Februar 2015

„Der nehme sein Kreuz auf sich…“

Gedanken an der Schwelle zur Passionszeit

„Wen Gott zu seinem Sohn annimmt, den macht er auch zum Empfänger seiner eigenen Güter und gibt ihm Anteil am Reichtum seiner Herrlichkeit. Gott lässt uns an Jesus schauen, was er uns zum Erbe gibt. Ihn hat Gott zuerst als seinen eigenen Sohn in die Gemeinschaft seiner Herrlichkeit gestellt. Und stellt er uns ihm an die Seite. Wenn wir in der Gemeinschaft mit Christus Kinder Gottes werden, so treten wir in der Gemeinschaft mit ihm auch in das Erbe Gottes, weil wir im Christus sind. Nicht das Erbe Gottes ist das erste, was uns zufällt, so dass wir danach zuerst verlangen dürften. Wer Gottes Erbe begehrt, aber nicht Gottes Kind sein mag, wird erleben, wie sehr er sich an Gott vergreift. Nur die Kinder erben. Zuerst gilt es die Kindschaft zu empfangen. Dann spricht der Vater zu seinem Sohn: ‚Alles, was mein ist, das ist dein.’ Dadurch wird auch das hell, was den Schmerz im Christenleben bildet. Jesus gibt seinen Boten und seiner ganzen Gemeinde auch am Leiden teil. Darin haben sie aber die Verbürgung ihres Erbes. Ihre Gemeinschaft mit Christus umfasst nicht nur das Leiden, sondern führt sie deshalb in as Leiden, weil Christus ihnen an seiner Herrlichkeit  teil gibt. Wenn den Glaubenden nicht nur das Leid trifft, das der Lauf der Natur mit sich bringt, wenn er Gottes wegen leiden muss, so kann er sich dessen nicht weigern, da er ja auch auf den Anteil am Erbe Christi hofft.  Verlangen wir nach demselben Ziel mit ihm, so werden wir uns auch den Weg gefallen lassen, den er selber ging. Um mit Christus zu leiden, braucht unser Leben nicht einen stürmischen Verlauf zu nehmen und mit Verfolgung belastet zu sein. Es wird vielmehr etwas vom Mitleiden mit Christus in jedes Christenleben fallen, auch in das still und friedsam verlaufende. Ein Christenleben hat seinen besonderen Schmerz, schon deswegen, weil uns das Auge für die Sünde um uns her geöffnet ist. Das war auch an Jesu Leiden das Bittere: Ihm war die Sünde der Menschen aufgedeckt. Und wenn wir weder Gottes Gebot noch die Liebe verleugnen, sondern ernst und geduldig die Sünde der anderen tragen und zu überwinden suchen, so müssen wir das Leid nicht selbst eigenwillig suchen; es kommt von selbst. Auch wird un s bei treuer Ausrichtung unserer Christenpflicht die Erfahrung kaum erspart bleiben, dass das Menschenherz sich trotzig und zornig gegen Gott, auch gegen Gottes Evangelium verteidigt und den schlägt, der ihm helfen will, wie auch Christus den Widerspruch der Sünder erfuhr und willig ertrug. Das können bittere Erlebnisse werden; aber sie sind dadurch verklärt, dass wir sie an Jesu Leiden anreihen dürfen; wir  müssen uns sagen: bloß mit ihm zu erben, das geht nicht; wer mit ihm erben will, der muss mit ihm leiden. So lernt man auch für den Schmerz des Christenlebens danken; denn die Gleichförmigkeit mit Christus ist das Größte und Herrlichste, was je ein Menschenauge sah“ (Adolf Schlatter, Erläuterungen zum NT, Band 5, 155f.).